Leonhard Schmeiser/Das Werk des Druckers Leonhard Schmeiser
Das Werk des Druckers
Untersuchungen zum Buch
Schmeiser1 Schmeiser2
2003, 176 Seiten, Sonderformat: 21 x 30,7 cm
mit zahlreichen Abbildungen aus dem Originalbuch,
kommentiertes Beilageblatt mit den Originalholzschnitten,
engl. Broschur
ISBN 978-3-902300-10-2
€ 29,90
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Seit einem halben Jahrtausend wird sie gelesen, analysiert, kommentiert, gedeutet, 
hat sie eine schwer faßbare Faszination ausgeübt. 
Man hat die kühnsten Spekulationen über sie angestellt, 
die tiefsten Spekulationen in ihr vermutet ... 

Dies ist die Geschichte einer großen Liebe. 

Es ist an der Zeit, sie zu erzählen.
Die Hypnerotomachia Poliphili: Das Werk mit seinem fabelhaften und kaum aussprechbaren Namen: eines der mysteriösesten Bücher, die je verfasst wurden, eine Liebesromanze aus dem Jahr 1499, die gleichermaßen Einblick gibt in das literarische, architektonische, künstlerische Leben der Renaissance, in die Fauna, die Flora, die Technik.  

Die Hypnerotomachia Poliphili ist mit ihren außergewöhnlichen Abbildungen, den feinen Lettern und dem gewissenhaften Satz eines der schönsten, gediegensten und berühmtesten Bücher der Welt – erotisch, merkwürdig, zauberhaft, voller Mythen und Rätsel.

 Durch Das Werk des Druckers von Leonhard Schmeiser wird nun ein ganz neues Licht auf sie geworfen – und die Lektüre führt spannend durch das Labyrinth, wirft längst fällige Fragen auf, legt Spuren frei, lüftet Rätsel und verführt von der ersten Seite an bis zur letzten, dieses offene Kunstwerk, diesen Traumtext zu erlesen. 

„Das Begeisternde am Werk des Druckers ist die Vielzahl 
von Perspektiven, in denen diese analytische Tätigkeit nicht nur ausgeübt, 
genossen und immer weiter entwickelt – sondern vor allem auch reflektiert, 
in umfassendere theoretische Zusammenhänge eingefügt wird.

Richard Heinrich

 ZUR PERSON

Leonhard Schmeiser, geb. 1957, Philosoph und Autor, lebt im Südburgenland. Von ihm sind bisher erschienen: Die Erfindung der Zentralperspektive und die Entstehung der neuzeitlichen Wissenschaft (2002), Allgemeine Theorie der Mitteilung (2001), Vom Frieden. Texte aus drei Jahrtausenden europäischer Geistesgeschichte (2000), Um Newton. Zur Rekonstruktion eines diskursiven Ereignisses (1999), Blickwechsel. Drei Essays zur Bildlichkeit des Denkens (1991)

PRESSESTIMMEN

 Verschachtelte Liebesleidgeschichte aufgedröselt  
Leonhard Schmeiser findet den lange gesuchten Verfasser der „Hypnerotomachia Poliphili“   

Die im Jahre 1499 beim venezianischen Drucker Aldus Manutius erschienene Hypnerotomachia Poliphili gilt als das schönste gedruckte Buch der Renaissance: seine in reiner Antiqua gesetzten Textblöcke und die klaren Linien seiner Bildblöcke mögen diese Einschätzung rechtfertigen. Aber damit sind die Übereinstimmungen unter den Kennern dieses Werkes auch schon erschöpft. Sein aus zwei neugriechischen Komposita zusammengesetzter Titel deutet schon an, daß es nicht eine klare und stringente Durchführung irgendeines Themas - etwa literarischer oder theoretischer Art - leistet. Sondern eine vielfach zwischen Schlafen, Träumen, Wachen verschachtelte Liebesleid- und Liebesprüfungsgeschichte, die schließlich gut endet, dann aber in einem zweiten Teil noch einmal oder vielmehr zweimal erzählt wird und sich schließlich in Nichts auflöst. Eingeflochten sind in diese Geschichte derart viele Wahrnehmungen von antikischen bzw. renaissancehaften Bau- und Bild- und Zeichenwerken, daß sie über die Rolle bloßer Versatzstücke hinauswachsen. Da der Inhalt des Buches eher ratlos macht und das Werk keinen plausiblen Verfasser nennt, ist denn auch die Suche nach dem Verfasser zur Hauptbeschäftigung der Interessenten geworden. Zwar hat man sich seit langem daran gewöhnt, den im Buch chiffriert auftauchenden Namen Francesco Colonna für den Namen des Autors zu halten. Aber schon die Zuschreibung dieses Namens an einen gleichnamigen venezianischen Dominikanermönch, von dem im übrigen nur bekannt ist, daß er seine einflußreiche Stellung mehrmals aber immer nur vorübergehend räumen mußte, weil er sich schwere Verstöße gegen die Ordensdisziplin zu leisten pflegte, schon diese Zuschreibung erscheint unglaubwürdig. Alternativ und ebenso wenig überzeugend hat man einen gleichnamigen Aristokraten und Diplomaten aus Palästrina für den Autor gehalten. In den letzten Jahren häufen sich die Versuche, für die in dem Buch ausgebreitete Wissensmasse denjenigen als Autor namhaft zu machen, dem Jacob Burckhardt als einzigem den Ehrentitel „uomo universale“ zugesprochen hatte und der als Renaissance-Genie genugsam bekannt ist: Leon Battista Alberti (so Emanuela Kretzulesco Quaranta, Gerhard Goebel, Liane Lefaivre). 
Ohne sich in diese Diskussion um den wahren Verfasser des berühmten Buches hineinzubegeben, behauptet der österreichische Philosoph Leonhard Schmeiser in seiner Schrift Das Werk des Druckers. Untersuchungen zum Buch HYPNEROTOMACHIA POLIPHILI (Maria Enzersdorf 2003), das Besondere jenes Buches liege darin, daß der Drucker selber sein Autor sei, und diese Tatsache liefere überhaupt erst den Schlüssel für eine Lektüre des Buches, dessen Darstellungsweise sich entschieden von der gewöhnlichen, von Schmeiser „signifikativ“ genannten Darstellungsweise unterscheide. Die ungewöhnliche nämlich „intermediale“ Textstrategie versuche nicht, mit ihren Darstellungselementen möglichst direkt Bedeutungen zu liefern, die sich einigermaßen klar aneinanderfügen. Der „intermediale“ Text verdichte und verwirre seine heterogenen Elemente (lateinische und griechische Sprache, Text und Bild, Zeichen und Bedeutungen) so in- und gegeneinander, daß die Widersprüche und Spannungen das Medium dysfunktional, eher opak als transparent machen. Das Gedränge der Symbole wird chaotisch, d. h. „diabolisch“. Nur eine Lektüre, die sich auf den solchermaßen intermedialen Text einlasse, und selber intermedial oder medieninsistierend werde, habe da eine Chance, auf einer zweiten Stufe dann doch noch signifikativ zu werden. 
Schmeiser scheint damit eine öfter vertretene medientheoretische oder diskursanalytische Ansicht zum Argument für eine verblüffende historische These umzufunktionieren. Er stützt seinen Gedankengang zusätzlich mit der medienhistorischen Behauptung, derzufolge die Erfindung des Buchdrucks überhaupt erst den reinen Autor, den bloßen Textlieferanten hervorgebracht habe, welcher die mediale Realisierung seines Textes gänzlich einem anderen überlassen müsse. Damit sei der Autor von vornherein in eine Abhängigkeit geraten, aus der es nur einen Ausweg gebe: die Personalunion von Drucker und Autor. Mit dem Buchdruck sei andererseits eine kulturpolitische Schwelle überschritten worden, die gerade für Aldus Manutius ausschlaggebend geworden sei: erst damit sei die Restitution antiker Texte, die bislang nur in einzelnen unsicheren Abschriften existiert hätten, möglich geworden: selbst fehlerhafte Editionen seien damit überprüfbar und korrigierbar geworden. Die Wiederherstellung der Antike aber sei für Aldus Manutius, dessen Hauptwerk die Aristoteles-Edition war und in dessen Werkstatt häufig nur Griechisch gesprochen worden ist, das entscheidende Motiv seines Berufes als Drucker gewesen. Und damit kommt man schon in die Nähe der Hypnerotomachia Poliphili, der die Sehnsucht nach einer besseren, nach einer pagan-erotisch gestimmten Gegenwart aufs Schönste eingeschrieben und eingezeichnet ist. Eine Sehnsucht nach einer Gegenwart, die nur dank der neuen Buchtechnik textuell fundiert werden kann. Schon die ersten Zeilen der Erzählung des eingeschlafenen und dann in einen Traum erwachten Poliphil deutet Schmeiser um zu einer Erzählung von einem Paradies, in dem Zypressen, Blumen usw. als ebensoviele Pressen, Bücher, Blätter usw. erscheinen. Die Erzählung erzählt das Zustandekommen des Buches der Erzählung - was nur möglich ist, wenn der Drucker der Erzähler ist: mittels der neuen Technik eigentlich ein archaischer Schreiber, der seinen Text selber medial implementiert. 
Schmeiser „intermediale“ Lektüre, die einen gewaltsam chiffrierten Text ebenso gewaltsam dechiffriert, erinnert eingestandenermaßen an Sigmund Freuds Traumdeutungsmethode, die sich ja selber als Bilderschriftenträtselung bezeichnet  und sich indirekt auf die Hieroglyphik bezogen hat. Ludwig Volkmann hat 1923 die Hypnerotomachia Poliphili als ein Hauptwerk der Renaissance-Hieroglyphik betrachtet, in welcher das angebliche Verstehen der „ägyptischen Zeichen“ (das auch für Alberti selbstverständlich war) wie von selbst in eine weniger hermeneutische als vielmehr rhetorische Kunst - hieroglyphice scribere - umschlug, welche die Emblematik und Heraldik der frühen Neuzeit inspirierte. Auch Schmeiser analysiert die in der Hypnerotomachia Poliphili vorkommenden quasi-ägyptischen Zeichen auf Obelisken usw. und deutet sie als besonders augenfällige Version des „intermedialen“ Textes. Auch wenn in der Renaissance alle möglichen Altertümer ins Abendland einbrechen, konnte man sie wohl nicht alle gleichartig aufnehmen: darum hat man sie eben ungleichartig verarbeitet. 
Aber das entscheidenden Motiv für den Drucker, der so ein rätselhaftes Buch verfaßt und druckt, sieht Schmeiser im Leben des Aldus Manutius: in der Liebe zu seiner Frau, die als junges Mädchen einmal von einem Mönch namens Francesco Colonna vergewaltigt worden war. Gegen diesen korrupten und kriminellen Mönch, den Aldus Manutius noch eines weiteren Verbrechens beschuldigt, chiffriert der Drucker - so wie es nur ein Drucker in Personalunion mit dem Verfasser tun kann - seine Anklagen in sein Buch. Der Drucker habe auch kriminalistisch-verfolgend - und auch deshalb hieroglyphisch d. h. übermäßig stark chiffrierend - geschrieben, so die Schlußthese von Leonhard Schmeiser. Und mit diesem Insistieren nicht nur auf der Materialität und Sperrigkeit der Medien sondern auch auf der Realität von Taten, von sogenannten Untaten, verbindet er eine Kehrtwendung gegenüber der Psychoanalyse, welche die harten Tatsachen allzugern in die Innerlichkeit abschiebe, um sie dort als „Unbewußtes“ wieder ausgraben zu können. 
Walter Seitter/ Frankfurter Allgemeinen Zeitung, (17. 5. 04)

 And there are things that are facts because they have to be facts, 
because nothing makes any sense otherwise.

Raymond CHANDLER

VORSTELLUNG 
des Buches u. a.:
„Ex Libris - Das Ö1 Bücher-Radio“, 
18.7.04
Die Berliner Literaturkritik, 17. 05. 04

„Wenn Schmeiser in seiner Analyse auf den (letztlich auch eingelösten) Anspruch einer stringenten Wissenschaftlichkeit ... verzichtet hätte, hätte er auch einen spannenden, im Milieu der heranbrechenden Neuzeit und der aufblühenden Renaissance spielenden Kriminalroman schreiben können.“
August Ruhs

  „Die europäische Literaturgeschichte, aber auch die Wissenschaftsgeschichte, die Politik, allgemein die europäische Kultur ist durchzogen von einem Kampf um das Wort, die Erweiterung des Sagbaren, von einer fast möchte man sagen lärmenden Geste der Auflehnung gegen geltende kommunikative Tabus. Daneben, neben dieser sozusagen offiziellen Kulturleistung, die das Selbstverständnis der Europäer geprägt hat, gibt es jedoch noch ein anderes, unscheinbareres Ringen um Sprache, das keine Barrieren niederreißt und keine Grenzen überschreitet, und doch dem erstgenannten an Dramatik keineswegs nachsteht. Ich rede von Mitteilung unter der Bedingung von Zensur: ein Ringen nicht eigentlich um Worte, sondern darum, eine Botschaft vernehmbar zu machen, obwohl über die richtigen Worte ein unabwendbares Verbot verhängt ist, mithin immer nur Falsches, Belangloses gesagt werden kann. Ein Beispiel für diesen anderen Kampf um das Wort ist die Hypnerotomachia Poliphili. Dieses berühmteste aller Druckwerke der Renaissance birgt eine Botschaft, die wie ein in Druckerschwärze eingefangener Aufschrei wirkt und zugleich so hart am Schweigen liegt, daß sie, obwohl das Buch unzählige Male und von unzähligen Menschen gelesen wurde, ein halbes Jahrtausend lang überhört wurde. 

Die übliche Weise, eine Botschaft trotz wie auch immer gearteter Verbote, die deren explizite Formulierung verhindern, mitzuteilen, besteht darin, Zeichen zu verwenden, die diejenigen, die Macht haben, das Sagbare zu definieren, nicht kennen. Ich könnte mir etwa einen Code ausgedacht haben, der den Wörtern meines Vortrags eine ganz andere Bedeutung zuweist, als die Ihnen bekannte, sodaß ich, während Sie glauben, mich zu verstehen, gerade dabei bin, eine ganz andere Botschaft in die Welt zu senden. Das ist die Weise von Gefängnisinsassen, Kryptographen oder Militärstrategen. Die Hypnerotomachia, und das ist vermutlich der Hauptgrund dafür, daß ich Ihnen die Botschaft dieses Buches nach einem halben Jahrtausend als Entdeckung präsentieren kann, geht anders vor: verwendet nicht Zeichen, Symbole mit feststehenden, aber im jeweiligen Kontext der Mitteilung unbekannten Bedeutungen, also keinen Code, sondern setzt die üblichen, bekannten Zeichen so ein, daß sie bei entsprechender Lektüre auf andere ebenso übliche, bekannte Zeichen hinweisen. Diese Hinweise werden nicht als eigenständige Zeichen faßbar, sondern lediglich als Abweichungen, Fehler, Regelverstöße im Rahmen des jeweils verwendeten Zeichensystems. Man kennt derartige Regelverstöße aus der Psychoanalyse, nämlich unter dem Namen Symptom. Symptome verbergen, weil und solange sie als Fehler angesehen, mithin von den anderen als nicht zum Text gehörig beiseite geschoben, beim Zuhören oder Lesen automatisch korrigiert werden, etwa wie das Flimmern eines Bildes, ein Stottern oder ein Druckfehler; sie beginnen jedoch zu sprechen, sobald ein Analytiker sie ernst nimmt, nämlich nicht als Defizienz, sondern als Moment eines latenten Texts auffaßt, der eine dem Analysierten selbst verschlossene Botschaft birgt. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Hypnerotomachia, allerdings mit dem wesentlichen Unterschied, daß die Symptome dieses Buches nicht Ausdruck psychischer Prozesse sind, sondern einer virtuosen, äußerst kunstvollen Handhabung des Mediums Buch, und daß sie keine Geschichte von unbewußten Wünschen und Kränkungen erzählen, sondern von expliziten Sehnsüchten, geschehenem Unrecht und einer hoffnungslosen Ohnmacht.“
   
Leonhard Schmeiser
in einem bei den Kulturtagen Lana (Südtirol/Italien) im September 2004 gehaltenen Vortrag

 
„Lesespannung kann man auf sehr unterschiedliche Art und Weise erzeugen. Eine besondere Variante präsentiert die junge Edition Roesner in Maria Enzersdorf - und beweist damit erstaunlichen Mut und eine Leidenschaft für das Büchermachen. Dieses unwahrscheinliche" Editionsprojekt, so heißt es in einer Nachbemerkung, ‚hat in formaler Hinsicht weitgehend experimentellen Charakter. Damit kommt es zur Unzeit in eine Medien-'Landschaft', in der Bücher . . . von den Wirbeln der Marktmechanismen davongetragen werden’. Es sind nicht selten kleine Verlage, die hier korrigierend einspringen. ‚Das Werk des Druckers’ nennt Leonhard Schmeiser seine Untersuchungen zum Buch ‚Hypnerotomachia Poliphili’, erschienen im Dezember 1499. Damit fällt es buchhistorisch gerade noch in die Epoche der Wiegendrucke.

Schmeiser nimmt das Erscheinungsdatum als Ausgangspunkt für eine vergleichende Rekonstruktion historischer Medienumbrüche und für einen völlig neuen, ‚materiellen’ Blick auf das Buch.Schon optisch präsentiert sich Schmeisers Untersuchung mit vielen einmontierten Text- und Bildzitaten als ein sinnliches Erlebnis. In den fortlaufenden Text werden Wörter, Zeilen oder ganze Absätze in der Originaltypographie
eingefügt (die Übersetzung wird stets beigegeben, altphilologische Kenntnisse muss man nicht mitbringen), was keine ästhetische Spielerei ist. Schmeiser liest Irregularitäten im Druckbild als wesentlichen Textbestandteil mit. Das folgt einer inneren Logik: Am Übergang von der Handschrift zum Buchdruck hat sich das (Selbst-)Verständnis der Drucker noch nicht gänzlich vom alten Medium abgekoppelt.
Das anonym erschienene Buch stammt aus der Werkstatt des berühmten venezianischen Humanisten und Buchdruckers Aldus Manutius, der sich ab 1490 um eine philologisch genaue Edition antiker Texte bemühte und damit Buchgeschichte schrieb. An der Textoberfläche präsentiert sich der ‚Traumliebeskampf des Poliphil’ als Geschichte einer großen Liebe mit vielen gelehrten und rätselhaften Abschweifungen. Poliphil träumt von seiner unerfüllten Liebe zu Polia; er durchläuft eine Art Initiationsweg bis zur mythischen Hochzeit auf Kythera, der antiken Insel der Liebesgöttin. Das philologische Rätselraten über die verschlungene Handlungsführung und über die Verfasserschaft füllt ganze Buchregale. Schmeiser fängt noch einmal von vorne an und unternimmt eine "intermediale Lektüre", die Text, Druckbild und Illustrationen als gleichwertige Elemente im Entschlüsselungsverfahren behandelt. Wenn man die Hürde des etwas verrätselnden Sprachduktus überwindet, verfolgt man die Entbergung der Spuren und den allmählichen Aufbau eines Interpretationsgebäudes mit wachsender Begeisterung. Da wird aus der Zypressenallee, die zu einem Palast führt, eine Bibliothek mit wohlgeordneten Buchregalen (die der Ungeziefer wegen gerne aus Zypressenholz waren), aus dem Wald mit dichtem Blätterdach die Druckerwerkstatt, an deren Zimmerdecke die ‚Blätter’ der Druckbögen zum Trocknen hingen.

Die ‚Magna Porta’, durch die der Held seinen Prüfungsweg betritt, ist aufgebaut wie ein Druckbogen, das Labyrinth dahinter liest Schmeiser als die früheste Beschreibung der technischen Funktionsweise einer Druckerwerkstatt; das Schiff, das die Liebenden nach Kythera bringt, ist in der Bildbeigabe als Filete erkennbar - ein Instrument zum Verzieren der Bucheinbände.
Historische Daten und Fakten werden sichtbar, Savonarolas Verbrennung ebenso wie die Biographie des Aldus Manutius und die Höhe der Abgaben, die er bei der Gründung seiner Druckerwerkstatt zu zahlen hatte. Auch ein Mordfall fehlt nicht, und Schmeiser klärt ihn ein halbes Jahrtausend später mühelos auf, denn der Name des Täters ist aus dem Buch herauszulesen. Es ist jener Dominikanermönch Francesco Colonna, dessen Name
sich aus den kunstvollen Initialen der Buchkapitel ergibt, weshalb er bisher als Verfasser des Werkes galt.
Der viel belesene Autor aus damaligen Tagen lässt ‚den Leser auf Schritt und Tritt die
Defizienz der eigenen Kenntnisse und die nie zu bannende Gefahr spüren, dass das Verständnis des Texts bereits an diesem Mangel scheitert, schreibt Schmeiser über Poliphils Traumabenteuer, und das selbe gilt auch für seine eigene Untersuchung. Verifizierbar ist für den Durchschnittsleser nichts, aber plausibel alles, und ein veritables Lese- und Schauvergnügen obendrein.“  

Evelyne Polt-Heinzl/Wiener Zeitung,
(17. 12. 04)

„Es bleibt … das Verdienst dieses unbedingt lesenswerten, auch prächtig illustrierten Buches, die gesamtkünstlerische Leistung desjenigen gewürdigt zu haben, der Text und Bilder zu einer einmalig geglückten Verbindung zu montieren vermochte.“ 
Gerhard Goebel/ Italienisch, Zeitschrift für italienische Sprache und Literatur, (November 04)

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