| Rudolf Kraus |
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verwirrt
manchmal stehe ich kopf
metaphorisch natürlich
erde will ich dann sein
stellen meinen brocken
erde sein
nichts als ein stückchen davon
nichts als ich
„Neben
dem anarchischen Witz und der Belesenheit des Dichters und Bibliothekars bietet
Rudolf Kraus auch in seinen neuen 'sprachminiaturen’ etliche Möglichkeiten
und Hinweise zur Wahrnehmungsbefreiung. Wunderbar komprimierte und (selbst)ironische
Poeme mit genügend Zwischenräumen für voraussetzungs- und ballastlose, freie
Blicke - bei denen ich habe aufpassen müssen, sie vor lauter Genuss nicht allzu
schnell zu lesen, da sich unter beinahe all den leicht, wie selbstverständlich
daherkommenden Text-Schraffuren gleichsam ja so etwas wie (nichtgeschriebene)
Eisberge voller Erfahrungen und Bedeutungen zu tümpeln scheinen.“
Georg
Pichler, (Autor und Chefredeakteur der „Bücherschau“)
„Rudolf
Kraus ist der Captain Kirk unter den Lyrikern: heldisch, stolz, nicht ohne
Pathos, hin und wieder den Zeigefinger hebend, gleichwohl auch souverän, von
Beginn an melancholisch, zusehends witzig. Und immer meint man, eine ungeweinte
Träne zu spüren.
Fazit: nicht vulkanisch, sondern menschlich.“
Heinrich
Steinfest, (Schriftsteller, Stuttgart, Deutscher Krimipreisträger 2004)
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Rudolf Kraus, geboren 1961 in Wiener Neustadt/NÖ, lebt als Bibliothekar und Autor in Wien und Bad Fischau-Brunn. Mtglied im Literaturkreis PODIUM, im Österreichischen P.E.N.-Club und im Österreichischen Schriftstellerverband. Anerkennungspreis 1998 „Gedanken gegen Rassismus und Intoleranz“ sowie beim 7. Berner Lyrikwettbewerb 2003. Veröffentlichungen u. a.: von eigenartigen helden und anderen seelendieben. Wien 2004; die satanische ferse. Linz,2003; die sinne verwildert. Wien 2000. |
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Kurt Giovanni Schönthaler, geboren 1963 in Wiener Neustadt, aufgewachsen im Piestingtal, wo er auch heute lebt. Setzt sich in seinen Bildern vorwiegend mit der Landschaft seiner näheren und inneren Heimat auseinander. |
Rudolf
Kraus hat am 23. 6. 2006 mit dem Gedicht „eine russische seele
(weiblich)“
den
Sonderpreis der „Berliner Literaturkritik“ (www.BerlinerLiteraturkritik.de) beim Jokers-Lyrik-Preis 2006 gewonnen.
hast
du jemals gespürt
diese
gedanken
die
mich manchmal quälen
ich
sehe nur dunkelheit
schwärzer
als ich je sein wollte
bitte
rette mich vor dieser dunkelheit
die
mich
blindschleichenhaft
die
welt nur am rande berühren lässt
schalte
ein das licht
das
meine liebe entfacht
damit
ich
die dunkelheit sehen kann
„‚sprachminiaturen’
nennt Rudolf Kraus die in jeder Hinsicht nicht minimalen Preziosen aus seiner
lyrischen Werkstatt. Ein freundliches, ironisches Understatement. Sinnlich und
melancholisch, vorsichtig und verwegen, mal voller Lebenslust und dann bisweilen
wieder die Seele raushängen lassend im Frust, so kommen diese Gedichte daher.
Immer aber auf der Suche, wie das Leben denn gehen könnte, und er findet
manchmal doch eine Art lebbares Credo: ‚auch ich möchte einst / im schatten mächtiger
/ olivenbäume ruhen // und mit ihren kernen / auf meine seele spucken’. Sind
die ‚zornigen lieder’ des Öfteren durch Songs evoziert (von Jim Morrison
bis Johnny Cash), so finden sich über die Texte verstreut eine ganze Menge an
Verweisen auf nahe stehende Dichter (von Quevedo, Byron, Keats, Shelley, Kafka
bis Hikmet und Paz). Passend (obwohl für die Intensionen der Gedichte nicht
notwendig) auch die exzessiven Farbbilder von Kurt Giovanni Schönthaler, die
sorgfältig in das schön gemacht Büchlein eingeklebt sind.
Neben
dem anarchischen Witz und der Belesenheit des Dichters und Bibliothekars bietet
Rudolf Kraus also auch in seinen neuen ‚sprachminiaturen’ etliche Möglichkeiten
und Hinweise zur Wahrnehmungsbefreiung. Es sind wunderbar komprimierte und (selbst)ironische
Poeme mit genügend Zwischenräumen für voraussetzungs- und ballastlose, freie
Blicke - bei denen ich habe aufpassen müssen, sie vor lauter Genuss nicht allzu
schnell zu lesen, da sich unter beinahe all den leicht, wie selbstverständlich
daherkommenden Text-Schraffuren gleichsam ja so etwas wie (nichtgeschriebene)
Eisberge voller Erfahrungen und Bedeutungen zu tümpeln scheinen.“
„Der gebürtige Wiener Neustädter und Lyriker Rudolf Kraus ist bereits seit
Ende der 70er-Jahre literarisch tätig … Neben zahlreichen Veröffentlichungen
in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern wie ‚Hoamat strange Homeland’ kann
‚Captain Kirk’ – wie Kraus auch gerne genannt wird, nun mit einem neuen
Meisterwerk aufwarten: ‚aus der seele brennen’ beinhaltet neue
Sprachminiaturen, umgeben von Farbbildern des ebenso gebürtigen Neustädters
Kurt Giovanni Schönthaler. Das Buch ist soeben in der Edition
Roesner erschienen.“
Kronen
Zeitung, 12/2005
„Eine
neue Ladung von Sprachminiaturen aus der spitzen Feder des Autors ist in einer
bemerkenswert ästhetisch gestalteten Ausgabe erschienen.
Eine ‚Sprachminiatur’ ist hier bereits der Titel, der sowohl in Richtung
eines seelischen Feuers als auch als eines Herausbrennens aus der Seele
verstanden werden kann.
In Weiterentwicklung des sprachsatirischen Tons der vorangegangenen Bände ….
erwarten uns auch hier Wortspiele mit doppeltem Boden und Reisebilder der
anderen Art, sowie ‚dreizehn Dreizeiler’ als ironisch gebrochene Anti-Haiku.
Poesie steht in Kraus’ neuem Werk neben Kalauer, (abgespeckte) Romantik neben
bitterem Sarkasmus …
Eine gesonderte Erwähnung sollen hier auch die gelungenen Farbzeichnungen des
niederösterreichischen Malers und Grafikers Kurt Giovanni Schönthaler finden,
die dem Betrachter und Leser einen weiteren Zugang zu den Texten des
Srachminiaturisten Kraus erlauben.“
Wolfgang
Ratz, (Literarisches Österreich, 2/2005)
Auf
den zweiten Blick
Rudolf Kraus’ Gedichte gegen den „Seelenbrand“
Rudolf Kraus aus Wien trinkt gerne Bier. Mit ihm persönlich anzustoßen, dürfte
deshalb für den Nicht-Wiener schwierig werden. Rudolf Kraus ist aber auch
Dichter. So ermöglicht uns wenigstens sein mittlerweile sechster Gedichtband,
der bereits im letzten Jahr in der österreichischen Edition
Roesner erschienen
ist, eine Begegnung – wenn auch in seinen Texten. Das in seiner schlichten
Gestaltung ansprechende Buch trägt den Titel „aus der seele brennen“, was
neben der Vervielfältigungstechnik akustischen Materials durchaus auch als eine
assoziative Programmatik verstanden werden kann, nämlich Sprachderivate wie in
einem alkoholischen Destillationsprozess zu gewinnen, um diese dann bei
passender Gelegenheit zu sich zu nehmen. Diese kurzen Texte untertitelt Kraus
als neue Sprachminiaturen. Das nahe liegende ist der Körper danach – nach dem
Brand. Das klingt dann so:
herbes
pils
warme weiche frau
lass mich nie mehr aus
lieb mich mehrmals
einmal ist zuwenig
lieb mich mehrmals
und ich werde fallen
Sinnöffnende
Natur und dunkler Rock’n Roll
Kraus
führt den Leser leitmotivisch und wie im Rausch durch seine Innenwelt: Die 39
neuen Sprachminiaturen und dreizehn dreizeiler werden mit Überschriften wie sod
brennen, barocke [reise] metaphern, zornige lieder sowie den zwischen Haiku und
anachronistischem Aphorismus stehenden Dreizeilern thematisch gebündelt. Der für
den Leser manchmal mit-reisende Versuch sich an der Krausschen Weltsicht – wie
unter einem Makroskop – mit zu berauschen, gelingt immer wieder in sinnöffnenden
Naturbeschreibungen (alles gute) und im Mitvollzug einer latent
durchschimmernden zweiten Leidenschaft des Autors: der Musik der zornigen
Einzelkämpfer. Schon das dem Buch vorangestellte Zitat des „Doors“-Sängers
Jim Morrison verrät eine Affinität zum mystischen Rock’n Roll, und so entlässt
Kraus die Sprachminiaturen gelegentlich aus dem kleingeschriebenen Alp(t)raum
eigener Befind-lichkeiten:
light
my fire
die
tage sind lang
und gefüllt mit schmerzen
wenn der abend beginnt
ist alles vergessen
gestammel
und bammel
tauschen zungenküsse
und
keiner schert sich
um ein gebrochenes herz
das wie feuer brennt
Wer
hier in der Mitte an Bimmel und Bommel aus der Harald-Schmidt-Show denkt und am
Ende Roland Kaisers Schlager „Santa Maria“ flötet, ist auf dem falschen
Trip, auch wenn es einem bei so doppelbödig-maritimen Titeln wie wo die scholle
bricht schon mal lustig aufstößt: Der welttrunkene Kraus persifliert vor allem
das politisch Erhabene (vegetarier!) – jedoch ohne es dabei vollständig zu
verlachen. Der vorerst erbrochene Wahrnehmungsstoff wird sozusagen noch einmal
runtergewürgt. Allerdings nicht, ohne ihn uns vorher noch einmal genüsslich
serviert zu haben.
Dass
Karl – pardon, Rudolf Kraus – dabei gelegentlich nur analysierend versucht,
Spaß zu verstehen, zeichnet seinen Seelenbrand als einen traditionell österreichschen
aus. Mit seinem Heimatland scheint den gelernten Bibliothekar die für dortige
Autoren so typische patriotische Hassliebe zu verbinden; ein Verhältnis, zu
deren Bewältigung neben den auslösenden wie kompensierenden Rauschmitteln Bier
und Rock’n Roll auch die Beschäftigung mit hiesigen Sprachspielern gehört.
schicksal
[österreich]
es
goethe mir brecht
wäre mir ransmayr nicht passiert
mitterer wahnsinn
jandl mich zu tode
entartmannt
Zwischen
Pathos und dicht bewegter Seele
Kraus
verdichtet nicht nur hier gern persönlich: Gut ein Fünftel der
Sprachminiaturen sind mehr oder weniger bekannten Dichterkollegen gewidmet;
viele Texte kreisen um Liebes-beziehungen und deren Schattenseiten, deren
Wirkungen in dem Gedichtband nicht zuletzt zu den sparsam eingefügten
Buchillustrationen Kurt Giovanni Schönthalers in ein reizvolles Spannungsfeld
geraten; Zeichnungen, die anonyme und doch eindeutig menschliche Körper zeigen.
Zu
einigen Dingen, Menschen, bereisten Städten und Situationen entwickelt Kraus
ein so gelöstes Verhältnis, dass sie – in schaumig vergossener Sprache –
zwar schon mal einen rauschhaften Pathos versprühen, dabei aber auch zum
intimen Nachtauchen in dicht bewegte Seelengründe einladen:
revolution
sperma
im schamhaar
pfui
ahoi
hanoi
hab keine titten
und meine sitten
sind keinen pfad wert
Zugegeben
– wer hier schnell mal drüber liest, bekommt ob solcher Schlagreime schon mal
kräftig eins auf die lyrische Zwölf. Gleichwohl wird auf den zweiten Blick und
eher schamhaft der Zeitgeist der 68er entschleunigt; eine erinnerte Zeit, die
Kraus (Jahrgang 61) als einen adoleszierenden Bewusstwerdungsprozess wieder
heraufholt. Diese seltsame Entrückung disparater Perspektiven, in der eine
subjektive Moralreflexion scheinbar flockig in einen überindividuellen
Zusammenhang gewuchtet wird, macht die Gedichttexte zu einer assoziativen
Herausforderung – nicht nur für den Miniaturfreund.
In
seiner Heterogenität gelingt es Kraus manchmal, das unmittelbar Erlebte
sprachlich so weit zu eröffnen, dass sein poetologisches Selbstverständnis
selbst zutage tritt; ein Selbstverständnis, dass nach kommunikativer Anwendung
schreit: Viele der Gedichte wollen zu ihrer Entfaltung laut gelesen werden. Im
beiläufigen Licht manch ironischer Grenzbereiche von Sprache dekantiert sich
nicht selten die großstädtische Lebenserfahrung des Wieners:
Minimalphilosophie
manchmal
altklug
nie
neureich
Und
auf der nächsten Seite dann sogleich:
Maximalphilosophie
manchmal
glücklich
nie
zufrieden
Gerne
möchte man da (ob so ausgeprägter Selbstironie) nickend zustimmen, kann es
aber dann doch nicht immer so ganz: Es gibt unter den neuen Sprachminiaturen
auch einige Titel, die unter ihrer stopfigen Kandierung die zum Teil
vielschichtigen Texturen entstellen (romanze in schwarz) oder – im Umkehrfall
– in ihrer Bedeutungsschwere vom Text selbst nicht mehr verdaut werden.
Besonders dann, wenn Kraus sich manchmal arg abgedroschener Bilderzitate
bedient, wird das im Leser einmal entfachte Feuer schnell wieder gelöscht.
Lyrische Klischees wie die immer wieder heraufbeschworene Herzmotivik führen
gelegentlich über den assoziativen Trampelpfad direkt in die sprachliche
Mumifizierung. In der zur Miniatur gealterten Sprachhülle bleibt dann nur das
kritische Zerfallsprodukt übrig – Hornhautlyrik als ein memento mini.
Diagnose: Stellenweiser Sprachstillstand durch Verkitschung. Die dreizehn
dreizeiler huldigen in ihrem programmatisch hingehuschten Reduktionismus solch
einer gepflegten Entsinnung.
Kryptisches
wirkt als Synapsenbalsam
Doch
das Profane und das Erhabene kuscheln bei Peter – pardon, Rudolf Kraus –
gern und häufig miteinander und selbst Kryptisches wirkt im Leser in der Regel
als Synapsenbalsam. Einem anscheinend so abgestandenen memento mori-Sujet
gewinnt Kraus jedenfalls noch etwas Originäres ab:
friedhof
im mai
im
schatten
mächtiger kastanienbäume
wo tausend träume ruhen
frierst du immerzu
der
zartsüße blütenduft
der lauen maisonne
trägt einen schleier
aus bitteren tränen
für
einen moment
ist es ganz still
und die erde
atmet tief
Erfrischend
bleibt am Ende, dass dem schon vielerorts beachteten Miniatouristen Rudolf
Kraus, dem im Juni für sein enervierendes Gedicht die russische seele
[weiblich] der zweite Platz des Joker-Lyrik-Preises der Berliner Literaturkritik
zugesprochen wurde, die professionelle Routine eines leicht zu identifizierenden
Tones versagt bleibt. Die Heterogenität der Sprachminiaturen ist nicht nur eine
Schwäche, sondern wirkt zugleich belebend: Man muss ja, auch wenn’s schmeckt,
nicht immer dasselbe trinken – Bier berauscht horizontal und Wien, äh Wein,
vertikal: Na dann, Prost!“
Peer
Feldhaus, Die Berliner Literaturkritik,
26. 9. 06