Balkankrieg –
Erzählen gegen das Vergessen!
„Die Sprache hatte uns wieder – mit einer Hand hatten
wir uns an den Rand des Unsagbaren gehalten,
und mit einer Hand hielten wir uns
und einander an den glitschigen Worten fest.
Alles Gute – wofür eigentlich? Wozu?“
Eine österreichische Lehrerin, die in ihrem Berufsalltag immer wieder mit den traumatischen Nachwirkungen des Balkankrieges konfrontiert ist,
begibt sich mit ihrer von dort stammenden Haushaltshilfe zu den Orten des Geschehens ...
„Vergangenheit, die nicht vergeht. -
Geblieben sind vom Grauen einige wenige Namen ...
Verschwiegen werden die Namen ihrer Opfer.
Aus Angst, aus Scham. Es ist das Verdienst
des Buches von Margareta Mirwald,
dieses Schweigen gebrochen zu haben.
Gegen die Geschichtsfälscher, Lügner und Ignoranten.“
Friedrich Orter
„Wie schon bei Ivo Andrić fokussieren sich
an der Brücke über der Drina
Handlungen unbegreiflicher Grausamkeit.
Was sich als ‚Rache‘ über die Jahrhunderte hinweg
verstehen will, entpuppt sich in Margareta Mirwalds
Prosa als Amoklauf individueller Unmenschlichkeit.“
Erich Schirhuber
Margareta Mirwald über ein unaufgearbeitetes dunkles Kapitel der Vergangenheit
Mödling (APA) - Eine österreichische Lehrerin, die in ihrem Berufsalltag immer wieder mit den traumatischen Nachwirkungen des Balkankrieges konfrontiert ist, begibt sich mit ihrer von dort stammenden Haushaltshilfe Kata zu den Orten des Geschehens. Resultat der Unternehmung ist das Buch "Die Wunden der Drina. Erzählen gegen das Vergessen" von Margareta Mirwald, das am Freitagabend in Mödling vorgestellt worden ist.
Von "Vergangenheit, die nicht vergeht", spricht ORF-Korrespondent Friedrich Orter in seinem Vorwort über das Thema des Buchs: Die Folgen der Massenvergewaltigungen im Bosnienkrieg 1992 bis 1995. 20.000 vergewaltigte Frauen schätzt die EU, 50.000 vermutet die bosnische Regierung. Orter: "Verschwiegen werden die Namen ihrer Opfer. Aus Angst, aus Scham. Es ist das Verdienst des Buches von Margareta Mirwald, dieses Schweigen gebrochen zu haben. Gegen die Geschichtsfälscher, Lügner und Ignoranten."
Noch immer laufen die Täter frei herum. Nur wenigen wurde bisher der Prozess gemacht. Es sind ehemalige Nachbarn und Freunde. Kata will es nicht wahrhaben, aber nun muss sie es sehen, hören und übersetzen, muss sich unerträglichen Vorwürfen von Grausamkeiten aussetzen, muss argwöhnen, dass Milan, ihr verstorbener Mann, nicht nur die Namenslisten geführt haben könnte. Kata hat Angst vor der Wahrheit. Die oberflächliche Vertrautheit der Frauen schwindet. Die Erzählerin will wissen, Kata will nichts hören. Doch je mehr die eine beschwichtigt, relativiert, abwägt, umso lauter hört die andere, die Erzählerin, die Schreie der bedrängten Mädchen, flüchtet in eigene alte Angstträume und meint, eine fremde Stimme in sich zu hören.
Margareta Mirwald, geboren 1951, unterrichtet laut Verlag an einer AHS und publizierte u.a. "Woher kommst du, dass du meinen Namen weißt. Szenarische Erzählung zu Leben, Liebe und Tod" (2008), in Zeitschriften und Anthologien sowie Texte für Radiosendungen. Sie leitet die Literaturwerkstatt Mödling und beschäftigt sich seit fünf Jahren intensiv mit den Problemen von Schülern mit Migrationshintergrund im Schulalltag. 2007 war sie Referentin bei der OSZE in Bukarest.
APA, Winfried Radl, 17. September 2011