Rudolf Kraus

aus der seele brennen
sprachminiaturen

mit Farbbildern von Kurt Giovanni Schönthaler


2005, 140 Seiten, franz. Broschur,

12,90 € (A), 12,50 € (D)

ISBN 978-3-902300-21-8

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verwirrt
manchmal stehe ich kopf
metaphorisch natürlich
erde will ich dann sein
stellen meinen brocken
erde sein
nichts als ein stückchen davon
nichts als ich


Neben dem anarchischen Witz und der Belesenheit des Dichters und Bibliothekars bietet Rudolf Kraus auch in seinen neuen 'sprachminiaturen’ etliche Möglichkeiten und Hinweise zur Wahrnehmungsbefreiung. Wunderbar komprimierte und (selbst)ironische Poeme mit genügend Zwischenräumen für voraussetzungs- und ballastlose, freie Blicke - bei denen ich habe aufpassen müssen, sie vor lauter Genuss nicht allzu schnell zu lesen, da sich unter beinahe all den leicht, wie selbstverständlich daherkommenden Text-Schraffuren gleichsam ja so etwas wie (nichtgeschriebene) Eisberge voller Erfahrungen und Bedeutungen zu tümpeln scheinen.
Georg Pichler, (Autor und Chefredeakteur der „Bücherschau“)


Rudolf Kraus ist der Captain Kirk unter den Lyrikern: heldisch, stolz, nicht ohne Pathos, hin und wieder den Zeigefinger hebend, gleichwohl auch souverän, von Beginn an melancholisch, zusehends witzig. Und immer meint man, eine ungeweinte Träne zu spüren. Fazit: nicht vulkanisch, sondern menschlich.
Heinrich Steinfest, (Schriftsteller, Stuttgart, Deutscher Krimipreisträger 2004)

zur Person

Rudolf Kraus, geboren 1961 in Wiener Neustadt/NÖ, lebt als Bibliothekar und Autor in Wien und Bad Fischau-Brunn. Mtglied im Literaturkreis PODIUM, im Österreichischen P.E.N.-Club und im Österreichischen Schriftstellerverband. Anerkennungspreis 1998 "Gedanken gegen Rassismus und Intoleranz" sowie beim 7. Berner Lyrikwettbewerb 2003. Veröffentlichungen u. a.: von eigenartigen helden und anderen seelendieben. Wien 2004; die satanische ferse. Linz,2003; die sinne verwildert. Wien 2000.
Rudolf Kraus hat am 23. 6. 2006 mit dem Gedicht "eine russische seele (weiblich)" den Sonderpreis der "Berliner Literaturkritik" (www.BerlinerLiteraturkritik.de) beim Jokers-Lyrik-Preis 2006 gewonnen.

Kurt Giovanni Schönthaler, geboren 1963 in Wiener Neustadt, aufgewachsen im Piestingtal, wo er auch heute lebt. Setzt sich in seinen Bildern vorwiegend mit der Landschaft seiner näheren und inneren Heimat auseinander.

Rezensionen

"Neben dem anarchischen Witz und der Belesenheit des Dichters und Bibliothekars bietet Rudolf Kraus auch in seinen neuen 'sprachminiaturen' etliche Möglichkeiten und Hinweise zur Wahrnehmungsbefreiung. Wunderbar komprimierte und (selbst)ironische Poeme mit genügend Zwischenräumen für voraussetzungs- und ballastlose, freie Blicke - bei denen ich habe aufpassen müssen, sie vor lauter Genuss nicht allzu schnell zu lesen, da sich unter beinahe all den leicht, wie selbstverständlich daherkommenden Text-Schraffuren gleichsam ja so etwas wie (nichtgeschriebene) Eisberge voller Erfahrungen und Bedeutungen zu tümpeln scheinen."
Georg Pichler (Autor und Chefredeakteur der "Bücherschau")

"Rudolf Kraus ist der Captain Kirk unter den Lyrikern: heldisch, stolz, nicht ohne Pathos, hin und wieder den Zeigefinger hebend, gleichwohl auch souverän, von Beginn an melancholisch, zusehends witzig. Und immer meint man, eine ungeweinte Träne zu spüren. Fazit: nicht vulkanisch, sondern menschlich."
Heinrich Steinfest (Schriftsteller, Stuttgart, Deutscher Krimipreisträger 2004)

"‚sprachminiaturen' nennt Rudolf Kraus die in jeder Hinsicht nicht minimalen Preziosen aus seiner lyrischen Werkstatt. Ein freundliches, ironisches Understatement. Sinnlich und melancholisch, vorsichtig und verwegen, mal voller Lebenslust und dann bisweilen wieder die Seele raushängen lassend im Frust, so kommen diese Gedichte daher. Immer aber auf der Suche, wie das Leben denn gehen könnte, und er findet manchmal doch eine Art lebbares Credo: ‚auch ich möchte einst / im schatten mächtiger / olivenbäume ruhen // und mit ihren kernen / auf meine seele spucken'. Sind die ‚zornigen lieder' des Öfteren durch Songs evoziert (von Jim Morrison bis Johnny Cash), so finden sich über die Texte verstreut eine ganze Menge an Verweisen auf nahe stehende Dichter (von Quevedo, Byron, Keats, Shelley, Kafka bis Hikmet und Paz). Passend (obwohl für die Intensionen der Gedichte nicht notwendig) auch die exzessiven Farbbilder von Kurt Giovanni Schönthaler, die sorgfältig in das schön gemacht Büchlein eingeklebt sind.
Neben dem anarchischen Witz und der Belesenheit des Dichters und Bibliothekars bietet Rudolf Kraus also auch in seinen neuen ‚sprachminiaturen' etliche Möglichkeiten und Hinweise zur Wahrnehmungsbefreiung. Es sind wunderbar komprimierte und (selbst)ironische Poeme mit genügend Zwischenräumen für voraussetzungs- und ballastlose, freie Blicke - bei denen ich habe aufpassen müssen, sie vor lauter Genuss nicht allzu schnell zu lesen, da sich unter beinahe all den leicht, wie selbstverständlich daherkommenden Text-Schraffuren gleichsam ja so etwas wie (nichtgeschriebene) Eisberge voller Erfahrungen und Bedeutungen zu tümpeln scheinen."

Georg Pichler (Bücherschau, 05/2006)

"Der gebürtige Wiener Neustädter und Lyriker Rudolf Kraus ist bereits seit Ende der 70er-Jahre literarisch tätig … Neben zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern wie ‚Hoamat strange Homeland' kann ‚Captain Kirk' – wie Kraus auch gerne genannt wird, nun mit einem neuen Meisterwerk aufwarten: ‚aus der seele brennen' beinhaltet neue Sprachminiaturen, umgeben von Farbbildern des ebenso gebürtigen Neustädters Kurt Giovanni Schönthaler. Das Buch ist soeben in der Edition Roesner erschienen."
Kronen Zeitung (12/2005)

"Eine neue Ladung von Sprachminiaturen aus der spitzen Feder des Autors ist in einer bemerkenswert ästhetisch gestalteten Ausgabe erschienen.
Eine ‚Sprachminiatur' ist hier bereits der Titel, der sowohl in Richtung eines seelischen Feuers als auch als eines Herausbrennens aus der Seele verstanden werden kann.
In Weiterentwicklung des sprachsatirischen Tons der vorangegangenen Bände …. erwarten uns auch hier Wortspiele mit doppeltem Boden und Reisebilder der anderen Art, sowie ‚dreizehn Dreizeiler' als ironisch gebrochene Anti-Haiku. Poesie steht in Kraus' neuem Werk neben Kalauer, (abgespeckte) Romantik neben bitterem Sarkasmus …
Eine gesonderte Erwähnung sollen hier auch die gelungenen Farbzeichnungen des niederösterreichischen Malers und Grafikers Kurt Giovanni Schönthaler finden, die dem Betrachter und Leser einen weiteren Zugang zu den Texten des Srachminiaturisten Kraus erlauben."

Wolfgang Ratz (Literarisches Österreich, 2/2005)

Auf den zweiten Blick
Rudolf Kraus' Gedichte gegen den "Seelenbrand"
Rudolf Kraus aus Wien trinkt gerne Bier. Mit ihm persönlich anzustoßen, dürfte deshalb für den Nicht-Wiener schwierig werden. Rudolf Kraus ist aber auch Dichter. So ermöglicht uns wenigstens sein mittlerweile sechster Gedichtband, der bereits im letzten Jahr in der österreichischen Edition Roesner erschienen ist, eine Begegnung – wenn auch in seinen Texten. Das in seiner schlichten Gestaltung ansprechende Buch trägt den Titel "aus der seele brennen", was neben der Vervielfältigungstechnik akustischen Materials durchaus auch als eine assoziative Programmatik verstanden werden kann, nämlich Sprachderivate wie in einem alkoholischen Destillationsprozess zu gewinnen, um diese dann bei passender Gelegenheit zu sich zu nehmen. Diese kurzen Texte untertitelt Kraus als neue Sprachminiaturen. Das nahe liegende ist der Körper danach – nach dem Brand. Das klingt dann so:

herbes pils
warme weiche frau
lass mich nie mehr aus
lieb mich mehrmals
einmal ist zuwenig
lieb mich mehrmals
und ich werde fallen

Sinnöffnende Natur und dunkler Rock'n Roll
Kraus führt den Leser leitmotivisch und wie im Rausch durch seine Innenwelt: Die 39 neuen Sprachminiaturen und dreizehn dreizeiler werden mit Überschriften wie sod brennen, barocke [reise] metaphern, zornige lieder sowie den zwischen Haiku und anachronistischem Aphorismus stehenden Dreizeilern thematisch gebündelt. Der für den Leser manchmal mit-reisende Versuch sich an der Krausschen Weltsicht – wie unter einem Makroskop – mit zu berauschen, gelingt immer wieder in sinnöffnenden Naturbeschreibungen (alles gute) und im Mitvollzug einer latent durchschimmernden zweiten Leidenschaft des Autors: der Musik der zornigen Einzelkämpfer. Schon das dem Buch vorangestellte Zitat des "Doors"-Sängers Jim Morrison verrät eine Affinität zum mystischen Rock'n Roll, und so entlässt Kraus die Sprachminiaturen gelegentlich aus dem kleingeschriebenen Alp(t)raum eigener Befind-lichkeiten:

light my fire
die tage sind lang
und gefüllt mit schmerzen
wenn der abend beginnt
ist alles vergessen
gestammel
und bammel
tauschen zungenküsse
und keiner schert sich
um ein gebrochenes herz
das wie feuer brennt

Wer hier in der Mitte an Bimmel und Bommel aus der Harald-Schmidt-Show denkt und am Ende Roland Kaisers Schlager "Santa Maria" flötet, ist auf dem falschen Trip, auch wenn es einem bei so doppelbödig-maritimen Titeln wie wo die scholle bricht schon mal lustig aufstößt: Der welttrunkene Kraus persifliert vor allem das politisch Erhabene (vegetarier!) – jedoch ohne es dabei vollständig zu verlachen. Der vorerst erbrochene Wahrnehmungsstoff wird sozusagen noch einmal runtergewürgt. Allerdings nicht, ohne ihn uns vorher noch einmal genüsslich serviert zu haben.
Dass Karl – pardon, Rudolf Kraus – dabei gelegentlich nur analysierend versucht, Spaß zu verstehen, zeichnet seinen Seelenbrand als einen traditionell österreichschen aus. Mit seinem Heimatland scheint den gelernten Bibliothekar die für dortige Autoren so typische patriotische Hassliebe zu verbinden; ein Verhältnis, zu deren Bewältigung neben den auslösenden wie kompensierenden Rauschmitteln Bier und Rock'n Roll auch die Beschäftigung mit hiesigen Sprachspielern gehört.

schicksal [österreich]
es goethe mir brecht
wäre mir ransmayr nicht passiert
mitterer wahnsinn
jandl mich zu tode
entartmannt

Zwischen Pathos und dicht bewegter Seele
Kraus verdichtet nicht nur hier gern persönlich: Gut ein Fünftel der Sprachminiaturen sind mehr oder weniger bekannten Dichterkollegen gewidmet; viele Texte kreisen um Liebes-beziehungen und deren Schattenseiten, deren Wirkungen in dem Gedichtband nicht zuletzt zu den sparsam eingefügten Buchillustrationen Kurt Giovanni Schönthalers in ein reizvolles Spannungsfeld geraten; Zeichnungen, die anonyme und doch eindeutig menschliche Körper zeigen.
Zu einigen Dingen, Menschen, bereisten Städten und Situationen entwickelt Kraus ein so gelöstes Verhältnis, dass sie – in schaumig vergossener Sprache – zwar schon mal einen rauschhaften Pathos versprühen, dabei aber auch zum intimen Nachtauchen in dicht bewegte Seelengründe einladen:

revolution
sperma im schamhaar
pfui
ahoi
hanoi
hab keine titten
und meine sitten
sind keinen pfad wert

Zugegeben – wer hier schnell mal drüber liest, bekommt ob solcher Schlagreime schon mal kräftig eins auf die lyrische Zwölf. Gleichwohl wird auf den zweiten Blick und eher schamhaft der Zeitgeist der 68er entschleunigt; eine erinnerte Zeit, die Kraus (Jahrgang 61) als einen adoleszierenden Bewusstwerdungsprozess wieder heraufholt. Diese seltsame Entrückung disparater Perspektiven, in der eine subjektive Moralreflexion scheinbar flockig in einen überindividuellen Zusammenhang gewuchtet wird, macht die Gedichttexte zu einer assoziativen Herausforderung – nicht nur für den Miniaturfreund.
In seiner Heterogenität gelingt es Kraus manchmal, das unmittelbar Erlebte sprachlich so weit zu eröffnen, dass sein poetologisches Selbstverständnis selbst zutage tritt; ein Selbstverständnis, dass nach kommunikativer Anwendung schreit: Viele der Gedichte wollen zu ihrer Entfaltung laut gelesen werden. Im beiläufigen Licht manch ironischer Grenzbereiche von Sprache dekantiert sich nicht selten die großstädtische Lebenserfahrung des Wieners:

Minimalphilosophie
manchmal
altklug
nie
neureich

Und auf der nächsten Seite dann sogleich:

Maximalphilosophie
manchmal
glücklich
nie
zufrieden

Gerne möchte man da (ob so ausgeprägter Selbstironie) nickend zustimmen, kann es aber dann doch nicht immer so ganz: Es gibt unter den neuen Sprachminiaturen auch einige Titel, die unter ihrer stopfigen Kandierung die zum Teil vielschichtigen Texturen entstellen (romanze in schwarz) oder – im Umkehrfall – in ihrer Bedeutungsschwere vom Text selbst nicht mehr verdaut werden. Besonders dann, wenn Kraus sich manchmal arg abgedroschener Bilderzitate bedient, wird das im Leser einmal entfachte Feuer schnell wieder gelöscht. Lyrische Klischees wie die immer wieder heraufbeschworene Herzmotivik führen gelegentlich über den assoziativen Trampelpfad direkt in die sprachliche Mumifizierung. In der zur Miniatur gealterten Sprachhülle bleibt dann nur das kritische Zerfallsprodukt übrig – Hornhautlyrik als ein memento mini. Diagnose: Stellenweiser Sprachstillstand durch Verkitschung. Die dreizehn dreizeiler huldigen in ihrem programmatisch hingehuschten Reduktionismus solch einer gepflegten Entsinnung.

Kryptisches wirkt als Synapsenbalsam
Doch das Profane und das Erhabene kuscheln bei Peter – pardon, Rudolf Kraus – gern und häufig miteinander und selbst Kryptisches wirkt im Leser in der Regel als Synapsenbalsam. Einem anscheinend so abgestandenen memento mori-Sujet gewinnt Kraus jedenfalls noch etwas Originäres ab:

friedhof im mai
im schatten
mächtiger kastanienbäume
wo tausend träume ruhen
frierst du immerzu
der zartsüße blütenduft
der lauen maisonne
trägt einen schleier
aus bitteren tränen
für einen moment
ist es ganz still
und die erde
atmet tief

Erfrischend bleibt am Ende, dass dem schon vielerorts beachteten Miniatouristen Rudolf Kraus, dem im Juni für sein enervierendes Gedicht die russische seele [weiblich] der zweite Platz des Joker-Lyrik-Preises der Berliner Literaturkritik zugesprochen wurde, die professionelle Routine eines leicht zu identifizierenden Tones versagt bleibt. Die Heterogenität der Sprachminiaturen ist nicht nur eine Schwäche, sondern wirkt zugleich belebend: Man muss ja, auch wenn's schmeckt, nicht immer dasselbe trinken – Bier berauscht horizontal und Wien, äh Wein, vertikal: Na dann, Prost!"

Peer Feldhaus (Die Berliner Literaturkritik, 26. 9. 06)

Leseprobe

verwirrt
manchmal stehe ich kopf
metaphorisch natürlich
erde will ich dann sein
stellen meinen brocken
erde sein
nichts als ein stückchen davon
nichts als ich

schwärzer als ich
hast du jemals gespürt
diese gedanken
die mich manchmal quälen

ich sehe nur dunkelheit
schwärzer als ich je sein wollte
bitte rette mich vor dieser dunkelheit
die mich
blindschleichenhaft
die welt nur am rande berühren lässt

schalte ein das licht
das meine liebe entfacht
damit ich
die dunkelheit sehen kann